'(Co-)Therapeut Wald' - Das Handbuch

Untertitel: Zur Stärkung psychischer und mentalter Gesundheit, in Rehabilitation, Beratung und (Sucht)-Therapie

Diese, im Auftrag des Bundesforschungszentrum für Wald verfasste, Bildungsunterlage beinhaltet wissenschaftliche Grundlagen zu den positiven Wirkungen des Waldes auf Gesundheit und Wohlbefinden, Infos zu verschiedenen Ansätzen und Methoden der Vermittlung, eine ausführliche Beschreibung des 'Waldwandern mit der Heilkraft Natur' an der Suchtklinik Anton Proksch Institut und weitere Anwendungsmöglichkeiten und Beispiele aus der Praxis. Bereichert wird das Werk mit einem Vorwort von Univ.-Prof. Dr.med. Reinhard Haller und Beiträgen von anerkannten Expert*innen aus unterschiedlichen Bereichen (Dr. Dominik Batthyány; Dr. Thomas Legl; DSA, DSP Steve Müller; Dipl.-Forsting. Bernd Nold; Gabriele Wagner-Wasserbauer, BSc.; DI Karin Würth; Marlene Zwettler, B.Ed.).

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Vorwort
Der Wald als Co-Therapeut

Der Einfluss der Natur auf unsere Gesundheit ist seit jeher bekannt. Jedem sind die Wirkungen schöner Landschaften und besonderer Wetterstimmungen, frischer Luft und wärmender Sonne, majestätischer Berge oder sprudelnder Bäche auf unser Gemüt, unsere Befindlichkeit, ja unsere Lebensfreude bestens bewusst. Die Weite des Meeres weckt unsere Sehnsüchte, die Einsamkeit der Wüste vertieft Einsicht und fördert Kreativität, aufragende Felswände machen uns demütig und der Wald rührt an unser Unbewusstes, an unsere archaischen Ahnungen. Religionsgründer*innen, Prophet*innen, Philosoph*innen und Künstler*innen haben sich immer wieder in die freie Natur hinaus begeben, um dort sich selbst zu finden und Inspiration zu empfangen. Jeder von uns kennt aber auch die Bedrohlichkeit elementarer Naturereignisse, die Wehmut, welche manche Landschaften auslösen können oder das Gefühl des Ausgeliefertseins in abgeschiedener Wildnis. Unzweifelhaft ist die Natur ein Seelenspiegel oder umgekehrt, zweifelsohne gibt es so etwas wie eine Psychogeographie und unbestreitbar prägt die Natur Wesen und Charakter des Menschen. Gerade der geheimnisvolle Wald ist ein wichtiger Teil des weiten Landes der Seele, in dem Sehnsucht und Bedrohlichkeit, Verlangen nach Geborgenheit und Ängste, Orientierungsfragen und zweiflerische Neugier gleichermaßen angerührt werden.

Während die körperlichen Auswirkungen natürlicher Heilkräfte gut erforscht sind, ist die wissenschaftliche Basis der psychischen und mentalen Effekte noch nicht breit und das Bewusstsein über das enorme Präventions- und Heilungspotential der Natureinflüsse selbst unter Professionalisten nicht hoch. Die gezielte psychotherapeutische Nutzung der Natur als Handlungs- und Selbsterfahrungsraum ist wenigen Spezialisten, zu denen Herausgeber und Autor*innen dieses Buches gehören, vorbehalten. In überzeugender Weise werden Möglichkeiten und Methoden der Heilkraft Natur anhand des Beispiels Waldtherapie und insbesondere des Waldwandern dargestellt.

Durch Waldtherapie kann eine Reihe von Grundbedürfnissen befriedigt werden, die als Ziel jeglicher Psychotherapie gelten: Bindung (an die Natur), Orientierung und Kontrolle, Lustgewinn und Unlustvermeidung, Distanzierung von Alltagssorgen, Eröffnen neuer Perspektiven und vor allem Gelassenheit durch Loslassenkönnen. Bei guter Eigenwahrnehmung und sensiblem Hineinhorchen in die innere Welt findet man dabei viele Effekte der Körper- und Atemtherapie, des inneren Dialogs und der Meditation, des Frustrations- und Aggressionsabbaus, besonders aber der heute so gefragten Achtsamkeitstherapie. Als speziell wirksam erweisen sich die auf Naturerleben basierenden Präventions- und Heilungsverfahren bei depressiven Zuständen jeglicher Art und – wie im Buch konkret ausgeführt – in der Suchttherapie.

Das Werk von Stefan Lirsch und seinen Gastautor*innen unterscheidet sich durch seine differenzierte Betrachtungsweise wohltuend von anderen paramedizinischen Gesundheitsratgebern. Für die hier favorisierte Methode wird weder Exklusivanspruch erhoben, noch werden unrealistische Heilsversprechen gegeben, sondern sie wird bereits im Titel als Co-Therapie – also begleitende Behandlung – dargestellt. Umso größer fällt der Anteil aus, welcher dem therapeutischen Partner Wald in Prävention und Behandlung psychischer Störungen zukommt und umso mehr wird bewusst, welch ungeahnte Möglichkeiten die therapeutische Arbeit im Wald haben kann.

Die Autor*innen verstehen es nicht nur, alle Interessierten für das vielfältige Heilpotenzial der Waldtherapie zu sensibilisieren, sondern deren Wirkungen ohne Abgleiten ins Spekulative oder Esoterische nachvollziehbar zu erklären. In einer Zeit, in welcher die klassische Medizin bei manchen Krankheiten an ihre Grenzen gekommen und die ganzheitliche Erfassung des menschlichen Wesens gefragter denn je ist, in der psychische Störungen zunehmen und durch die Pandemie der Abstand gebraucht und das Alleinsein in einer garantiert virenfreien Natur von immer mehr Menschen gesucht wird, hat dieses Buch im wahrsten Sinn des Wortes noch gefehlt.

Univ.-Prof. Dr. Reinhard Haller
Feldkirch, im Sommer 2020

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Abstract | Zusammenfassung

Diese Bildungsunterlage fasst den derzeitigen Wissensstand zu den positiven Wirkungsfaktoren von Natur und insbesondere Wald zusammen und zeigt auf, wie diese für Gesundheitsförderung und therapeutische Angebote und Interventionen verwendet werden können. Der Schwerpunkt dieses Handbuchs liegt auf der Sucht-Therapie – mit einem Exkurs in die Sucht-Prävention. Des Weiteren wird auf positive Effekte und Einsatzmöglichkeiten zum Beispiel bei psychischen Belastungen, stressbedingten Erkrankungen, Depressionen, Schlafstörungen und Burnout eingegangen.
Neben einer wissenschaftlichen Einbettung des Themas, die als argumentative Grundlage für die Realisierung von themenspezifischen Projekten dienen kann, wird anhand bereits existierender Weiterbildungs- und Vermittlungsmöglichkeiten sowie Beispielen aus der Praxis die Vielfalt von Zugängen, Methoden und Möglichkeiten für die Umsetzung aufgezeigt.
Ausführlich behandelt wird das Angebot 'Waldwandern mit der Heilkraft Natur' an der Suchtklinik Anton Proksch Institut. Es wird detailliert beschrieben, wie es strukturell angegliedert ist, worauf bei den Ausgängen geachtet werden muss und welche Aktivitäten umgesetzt werden und sich bewährt haben. Weitere Praxisbeispiele und deren unterschiedliche Ausrichtung und zielgruppenorientierte Umsetzung sowie internationale Entwicklungen und Programme werden kurz vorgestellt.
Nützliche Informationen wie Infoblätter, rechtliche Rahmenbedingungen, eine Auflistung themenspezifischer Seminarangebote, Aus- und Weiterbildungen sowie Literatur-Empfehlungen sollen eine weitere Vertiefung und den Transfer in die Praxis erleichtern.

Mit diesem Handbuch werden primär Menschen angesprochen, die in therapeutischen und psychosozialen Berufsfeldern tätig sind sowie Gesundheits-Institutionen. Besonders MedizinerInnen, PsychotherapeutInnen, SozialarbeiterInnen, Coaches, usw., die selbst schon den Wald für sich entdeckt haben, sollen aufgrund der zusammengetragenen Informationen Bestärkung finden und dazu animiert werden, den Wald als (Co-)Therapeut zu nutzen.
Die Inhalte richten sich aber auch an andere Interessierte, an WaldbesitzerInnen, die etwas über das Potenzial Ihrer Flächen in Bezug auf therapeutische Maßnahmen erfahren wollen. Insbesondere diesen Zielgruppen soll das Wissen über die gesundheitlichen Wirkungen von Waldaufenthalten ins Bewusstsein gerufen und die Vielfalt an Anwendungsmöglichkeiten vermittelt werden.
Dieses Buch darf auch als Handreichung dienen, wenn TherapeutInnen, NaturvermittlerInnen und Menschen mit Umsetzungsideen an Kuranstalten, Reha- oder Gesundheitszentren herantreten, um gemeinsame naturbezogene Projekte zu realisieren.

Fragen, denen sich die einzelnen Kapitel widmen
1) Wie wirken Waldaufenthalte, was wirkt dabei konkret und bei welchen Beschwerden und Erkrankungen können sie hilfreich sein?
2) Welche Methoden und Arten der Begleitung in die Natur gibt es? Gibt es eine Kompatibilität mit Psychotherapie?  
3) Wie kann die konkrete Umsetzung eines Projekts im Detail aussehen? Welche Erfahrungen wurden gemacht und welche Inhalte haben sich bewährt?  
4) Was ist alles bei der Planung und Realisierung von Angeboten im Wald zu bedenken?
5) Welche Arten der Umsetzung gibt es schon und haben sie sich etabliert?
6) Welche Wälder sind gesundheitsfördernd? Wie können WaldbesitzerInnen davon profitieren?
7) Wie können Naturaufenthalte in der suchtpräventiven Arbeit genutzt werden?
Und welche Perspektiven und konkreten Möglichkeiten ergeben sich aus all dem für die Zukunft?