Persönlicher Erfahrungsbericht des Waldpädagogen

 

Mit hoch gesteckten Zielen und Erwartungen begann ich im Schuljahr 2012/13 mit dem Aufbau des „Schwerpunkt Waldpädagogik und Soziales Lernen” an der NMS Dirmhirngasse. Ich startete in dem Bewusstsein, dass es allem Anschein nach in Österreich zum ersten Mal der Fall war, dass ein nur für Waldpädagogik angestellter Lehrer an eine Schule geholt wurde, und dass es sich hierbei um Pionierarbeit handelte, die an dieser Schule mit der Implementierung dieses Pilotprojekts geleistet werden sollte.

Die Anfangsphase

Nach den ersten Wochen und Monaten der konkreten Umsetzung mit den Kindern im Wald war ich unzufrieden und hatte das Gefühl, dass meine Ziele unter den gegebenen Umständen nicht zu realisieren waren. Die Unruhe in den Gruppen, häufig auftretende Konflikte, schlechte Ausrüstung, die meist sehr kurze Aufmerksamkeitsspanne der Kinder und die direkte Ablehnung der Waldausflüge mancher haben mich bald zum Zweifeln an der Umsetzbarkeit meines Vorhabens gebracht. Die Skepsis vieler Lehrerinnen und Lehrer an der Sinnhaftigkeit des Projekts und die Tatsache, dass im ersten Jahr nur wenige Klassenvorstände und Bezugslehrerinnen mit im Wald waren, erschwerten den Start des Waldschwerpunktes zusätzlich.

Als ich mir auf Anregung eines Freundes und Kollegen ein Blatt Papier nahm, um die bisherigen Erlebnisse und Lernerfahrungen der Kinder im Wald zu notieren, stellte ich verblüfft fest, dass scheinbar doch alles in den Zielen Beschriebene mehr oder weniger gelungen war. Es war wohl nicht einmal durch die schwierigen Umstände zu verhindern, dass die Schülerinnen und Schüler im Wald viele neue Erfahrungen sammeln konnten und einiges von und in der Natur lernten. Nur die Art und Weise, wie das vor sich ging, wich beträchtlich von meinen anfänglichen Vorstellungen ab. Ungeachtet meiner nicht umgesetzten Pläne profitierten die Kinder von den Naturaufenthalten.
     Nach der ersten Orientierungsphase hieß es erst einmal, das Projekt an die Gegebenheiten der Schulstruktur und an die Voraussetzungen der Kinder dieser Schule anzupassen.

Etablierung des Waldschwerpunktes an der Schule

Ein ganz entscheidender Punkt in der Entwicklung und der Verankerung vom „Schwerpunkt Waldpädagogik” war die Integration des in der Natur Erlebten in den bestehenden Unterricht. Im zweiten Jahr war dies verstärkt möglich, da sich die jeweiligen Klassenvorstände bereit erklärt hatten, ihre Kinder in den Wald zu begleiten.
     Auf diese Weise konnte auf die schon bestehende Beziehung der Kinder zu den Lehrerinnen und Lehrern aufgebaut und diese vertieft werden. Die Begleitung und Bearbeitung von Konflikten war so leichter möglich.

Ebenso zur Etablierung und zum Gedeihen des Waldschwerpunkts hat beigetragen, dass zwei angestammte Lehrerinnen der Dirmhirngasse gleich im ersten Jahr des Projekts eine Waldpädagogik-Ausbildung begannen. Im dritten Jahr vergrößerte sich das Team um zwei weitere neue Kolleginnen: eine Umwelt-, Wald- und Wildnispädagogin, die sich mit mir die halbe Lehrverpflichtung teilte, und eine weitere Lehrerin, die waldpädagogische Vorerfahrungen mitbrachte. Somit war im dritten Jahr das Wald-Team auf fünf naturvermittelnde Pädagoginnen und Pädagogen angewachsen. Hinzu kommen noch jene Lehrerinnen und Lehrer, die im Laufe der Jahre durch die Ausgänge und mittels eigener, teils intensiver Auseinandersetzung mit dem Thema zu weiteren Stützen des Schwerpunktes wurden.

Der im September 2012 noch junge Trieb, der sich im ersten Jahr erst einmal behaupten und halt im Boden finden musste, konnte sich in den darauffolgenden beiden Jahren gut verwurzeln, wuchs im Dritten zu stattlicher Größe heran und erfreut nun die Beteiligten und das Umfeld mit seinen duftenden Blüten und saftigen Früchten. So war allem Anschein nach auch der Waldschwerpunkt von den natürlichen Wachstumsprozessen in der Natur inspiriert.

Es hat sich eine Zufriedenheit eingestellt, dass die Waldpädagogik in der Schule nun angekommen und etabliert ist. Schon nach dem zweiten Jahr war es keine Frage mehr, ob dieses Angebot wichtig und wertvoll für die Kinder und Pädagoginnen und Pädagogen ist und ob es weitergeführt werden soll. Sogar anfangs sehr kritische Kolleginnen und Kollegen stehen mittlerweile hinter dem Projekt und drücken ihre Wertschätzung dafür aus. Das wiederum freut und bestärkt mich besonders, denn, wenn sich erst einmal die Kritiker dem anfangs Abgelehnten zuwenden, ist wohl Einiges geschehen...
     Eine der größten Bestätigungen war dann die Rückmeldung einer anfangs skeptischen Kollegin. Sie meinte, dass sie sogar mit anderen gewettet habe, dass der Waldschwerpunkt an der Schule nur eine kurze Lebensdauer haben werde. Beendet hat sie ihre Aussage damit, dass sie nicht geglaubt hätte, wie wichtig ihr und ihren Kolleginnen das Waldprojekt einmal sein werde.

Pädagogische Ausrichtung

Eines meiner Ziele in der pädagogischen Arbeit mit Heranwachsenden ist es, dass diese sich in der Natur zurechtfinden und wohlfühlen können. Für mich ist es ein Zeichen von gelingender Begleitung, wenn es möglich wird, den Kindern innerhalb der grundlegenden Vereinbarungen Freiraum zu geben, in dem sie ihren eigenen Bedürfnissen und Interessen nachgehen können. Wenn die Kinder sich vertraut gemacht haben mit dem Wald und mit den vielfältigen Möglichkeiten, die ihnen dort geboten werden, kann die Natur eine wunderbare vorbereitete Umgebung für deren Entwicklung darstellen.

Da die Kinder es zumeist nicht gewohnt sind, ihren Bedürfnissen und Interessen folgen zu können, stellt es eine große Herausforderung dar, sie zu selbstbestimmtem Tun zu begleiten. Besonders in der Schule wird ihnen nur selten ermöglicht, ihren Impulsen zu folgen. Ohne dies hier im Detail ausführen zu wollen, seien hier nur schlagwortartig einige Rahmenbedingungen angemerkt, die sich erschwerend auf diese Intention auswirken: Kinderanzahl in der Klasse, 50-minütige Unterrichtseinheiten, Lerndruck, eingeschränkte Bewegungsmöglichkeiten, usw.

Einige Male ist im Wald jedoch bisher eine solche Phase des selbständigen Tuns entstanden. Es war wunderbar zu beobachten, wie die Kinder die für ihre Bedürfnisse entsprechenden Aktivitäten gefunden haben. Manche entdeckten ihren Forschergeist und erweiterten spielerisch und mit Begeisterung ihr Wissen, andere gingen ihrem Bewegungsdrang, Ruhebedürfnis oder Spieltrieb nach oder verliehen ihrer Aggression kontrolliert Ausdruck und fanden dadurch wieder zur Entspannung.
     Besonders in solchen Situationen finde ich sie wieder – die Lehrkraft Natur, welche Pädagoginnen und Pädagogen zur Seite stehen kann, indem sie Lernprozesse initiiert, Fragen aufwirft, Bewegungs- und Betätigungsmöglichkeiten bietet, Kinder durch ihre Faszination in ihrer Konzentrationsfähigkeit unterstützt, durch ihre Schönheit bezaubert und durch ihre Vielfalt begeistert.

Intention

Zum Abschluss komme ich nochmals zu meiner zugrundeliegenden Intention: Bei meinen (waldpädagogischen) Angeboten geht es nicht primär um Wissensvermittlung oder Leistungserbringung. Mir geht es um die Ermöglichung freudvoller, interessanter, spielerischer und sinnlicher Erlebnisse in der Natur. Den Kindern soll der Wert des Waldes, der Wiese, der Tiere und Pflanzen (wieder) erlebbar gemacht werden. Und das darf im besten Fall auch dazu führen, dass auf selbstverständliche Weise Interesse und ein Gefühl der Mitverantwortung für die Natur entstehen.

Durch meine bisherigen Erfahrungen, durch die positiven Rückmeldungen vieler Menschen und nicht zuletzt durch die in diesem Handbuch angeführten Forschungsergebnisse fühle ich mich bestärkt in meiner Ausrichtung und meinem Tun, Kindern – auch im institutionellen Bildungsbereich – Naturerlebnisse zu ermöglichen.

Stefan Lirsch